Autschbach und Saygili – ein Genuss „sweeter than honey“

06.01.2019


Am Jahresanfang stand im Bildungshaus Kloster Ensdorf bereits zum 8. Mal ein Premiumgitarrenworkshop mit Peter Autschbach im Kalender. Die etwa zwanzig Teilnehmer kommen mittlerweile aus ganz Mitteleuropa, von Husum über Luxemburg oder der Schweiz. Und wenn er schon mal da ist, ringen ihm die Veranstalter auch immer ein Konzert ab. Es hat sich eine Fangemeinde entwickelt, die von weit her kommt, um dabei zu sein. Nicht zuletzt wegen seiner kongenialen Mitmusikerin Samira Saygili.
Bevor Jürgen Zach die Gäste begrüßen konnte, mussten erst einmal Stühle nachgestellt werden, so groß war die Nachfrage.Es entstand eine wunderschöne Atmosphäre im Mehrzweckraum des Klosters: vor der schwarzen Wand nur ein wenig Technik, vier Gitarren und zwei Stühle. Mit den glasklaren Tönen der Baritongitarre, deren Spektrum Autschbach genüsslich auskostete von den satten Tiefen bis zu den Flageoletts, begann ein Klassiker von Elton John: Your Song. Samira Saygili´s Gesang ließ schon bei den ersten Tönen ihre enorme stimmliche Ausdruckspalette erahnen. Alle im Konzert gecoverten Songs waren nicht aufgewärmt, sondern in typischer Autschbach-Manier bearbeitet. Immer auf sehr individuelle Weise arrangiert bis wieder ein bekanntes Riff aufblitzte, das die Zuhörer auf die tonale Entdeckungsreise durch einen schönen Musikabend mitnahm.
Szenenapplaus war ein unerlässlicher Begleiter. So z.B. bei One Note Samba oder Smile. Das Publikum sang bei einer Neuinterpretation des 10cc-Klassikers „I´m not in love“ die Bordun-Passagen, auf denen die beiden Künstler ihre Improvisationen aufsetzten.
Und dann waren da noch die eigenen Songs der aktuellen CD „Sweeter than honey“. Einige dieser Eigenkompositionen haben das Zeug zum Jazz-Klassiker. Stehen beim Titelsong noch die Liebe und das Leben im Mittelpunkt (manche Werke entstanden in Urlaubsstimmung), wird einem bei Holobiont schon etwas anders: es geht um die Symbiose des Menschen mit seinen in sich beheimateten Bakterien – textlich und musikalisch ein Genuss.
Ganz ruhig wurde es im Saal, als Samira Saygili ihr Fehlen beim Konzert im letzten Jahr erklärte. Bei der Ausreise aus der Türkei nach einem Familienbesuch am 3. Januar 2018 wurde sie für 5 Wochen festgehalten. Es herrscht die pure Willkür im Land ihrer Familie. Telefone werden abgehört, es wird Angst geschürt und das Volk wird gespaltet mit Populismus. Was die studierte Musikpsychologin beobachtet ist, dass auch bei uns Parolen und Pauschalisierungen an der Tagesordnung sind, dass Hass geschürt wird. Langer Applaus signalisierte die Solidarität der Anwesenden, als sie darum bat, aufmerksam und kritisch zu sein, damit das in Deutschland, ihrem zweiten Heimatland, nicht auch geschieht.Das verarbeitete sie danach in einem der deutschen Lieder „Keine Lust“, das in der Türkei entstand.
Bald schon waren die Zuhörer wieder in den Sphären des Autschbachschen Gitarrensounds gefangen. „Viele Akkorde, je abgefahrener, umso besser“ ist seine Devise, dabei ließ er seiner Partnerin immer den musikalischen Raum, ihre Stimme auszuleben: von einfühlsamen Passagen über humorvolle und hintergründige Parodien, Scatgesang, Trompetenimitationen bis zur rauhen Bluesstimme – alles war dabei. Und man glaubte es kaum, was aus der zierlichen Sängerin, die im Schneidersitz auf der Bühne saß, alles `raus kommt.
Fazit: Ein geniales Duo, dessen musikalische Qualitäten kongenial verschmelzen. Immer wieder Kopfschütteln im Publikum, weil es so unglaublich war, wer in dem kleinen Dorf an der Vils zu Gast war. Dem Bildungshaus ist da ein echter Coup gelungen. Und für das nächste Jahr ist der Termin schon festgezurrt: wieder zum Jahresbeginn mit Workshop. Und auch dafür haben sich schon einige wieder angemeldet.

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